Zusammenleben von Mensch und Wildtieren – Lü Zhi, Universität Peking

Heute war ich wieder einmal an einem Wildlife Seminar. Es atemberaubend. Spannend.

Professor Lü Zhi aus China hat über den Naturschutz in China referiert. Sie ist Professorin an der Universität in Peking, Vize-Präsidentin der Vereinigung für Frauen in der Wissenschaft in China und sie repräsentiert China im WWF. Dr. Lü hat für ihre Doktorarbeit 1984 Pandas studiert. Damals gab es noch keinen Naturschutz in China. Sie ist also sozusagen die Gotte vom WWF Logo!

Etwas über Dr. Lü

Wikipedia über Dr. Lü

Rolex Auszeichnung für Dr. Lü

Dr. Lü hat nie etwas über Naturschutzbiologie gelernt. Sie sagt, man könne das nicht in Schulzimmern lernen. Sie hat es am eigenen Körper miterlebt, was Naturschutz heisst. Man erlebt Naturschutz spontan. Dr. Lü meint, Naturschutz sei mehr ein Gefühl oder eine Lebensform als eine Theorie für Schulzimmer.

Im Naturschutz, wie auch in vielen anderen Bereichen des Lebens, lerne man eher über das Scheitern, als über den Erfolg. Erfolg sei ein Zufall, Scheitern vorprogrammiert.

Ich bin an ihren Lippen gehängt und die Zeit verging im Flug.

Das einzige Ziel, das wir im Naturschutz erreichen können ist „co-existence“. Zusammenleben mit der Natur. Wir sind soviele (besonders in China), dass es gar keine anderen Lösungen mehr gibt. „Inclusion“ nennt sich das. Der Engadiner Nationalpark, wie auch viele Nationalparks in Südafrika, arbeiten nach dem Prinzip der „Exclusion“, d.h. dass man ein Gebiet abschirmt und schützt. Bei der Inclusion müssen die Leute lernen, mit der Natur zusammen zu leben. Für mich ist der Rest von Graubünden ein Beispiel der Inclusion.

China hat die grösste Dichte an Grossraubtieren der Welt. In Ripple et al. 2014 lässt sich das alles nachschlagen. Einige Populationen sind am wachsen. Die Mehrheit der Populationen sind am abnehmen. Man weiss aber kaum was wirklich abgeht. Wildtierpopulationen in China sind nicht wirklich gut erforscht. Dr. Lü möchte das ändern. Sie macht Datenerhebungen und publiziert alles auf einer Webseite. Öffentlich zugänglich. Sie wird die Webseite am 22. Mai veröffentlichen, am Internationalen Tag der Biodiversität.

Grösste Dichten an Grossraubtieren auf der Welt

China hat 2500 Nationalparks, die geschützt sind. Das entspricht etwa 5% der Fläche von China. Die grösste Biodiversität findet man in den tropischen warmen Gebieten im Westen und auf dem Plateau von Tibet. Dr. Lü hat einige nicht ganz politisch korrekte Witze gemacht über Tibet. Für sie ist Tibet ganz klar ein Teil von China. Tibet ist einer der am wenigsten verschmutzten und am wenigsten bevölkerten Teile von China. Die Leute leben da in friedlichem Zusammenleben mit der Natur. Dr. Lü möchte davon lernen. Für sie ist klar, dass in Tibet eine Evolution des Zusammenlebens stattgefunden hat. Mehr dazu später.

Fleischesser

Ökologie mit Wolf

Die Bilder stammen aus diesem Artikel: Science Artikel

Dr. Lü und ihre Studenten haben auch in den meistbevölkerten Teilen von China, wie z.B. in Peking Daten erfasst. Sie war überrascht, wieviele Tierarten sie in Peking selber, in Stadtpärken zum Beispiel, finden konnten. In einem kleinen Park auf dem Campus der Uni haben sie 209 verschiedene Vogelarten gefunden. Die Regierung möchte aber die meisten Parks in Bauland umwandeln. Nun hat sich eine Gruppe von Schülern und Studenten zusammengeschlossen mit dem Ziel, diese natürlichen Oasen der Biodiversität zu schützen. Es ist ihnen wichtig, Zugang zur Natur zu haben. Sie sehen dies als Lebensqualität.

In China ist die Abwanderung vom Land auf die Stadt enorm. Es gibt kaum noch Kleinbauern auf dem Land. Viele Holzindustrien und Grossbauern holzen deshalb die Wälder ab und versuchen, daraus Profit zu machen. Dr. Lü hat ein kleines Programm gestartet, wo sie jungen Bauern hilft, Honig herzustellen. Waldbienenhonig. Nun bleiben einige junge Leute auf dem Land und züchten Bienen. Damit bleibt der Wald erhalten und die Einnahmen reichen gerade, um die Dörfer am Leben zu erhalten. Es ist nun für die jungen Bauern lukrativer auf dem Land zu bleiben als in die Stadt abzuwandern. Eine kleine Erfolgsgeschichte. Auch für die Pandas.

Auf dem Plateau von Tibet gibt es wilde Huftiere, Bären, Wölfe und Leoparden. Daneben haben Bauern und Nomaden aber auch seit Jahrtausenden Haustiere wie Schafe und Ziegen gehalten. Irgendwie scheint das Zusammenleben zu funktionieren. Das könnte daran liegen, dass sich die Raubtiere hauptsächlich von Wild ernähren. Ziegen- und Schafpopulationen sind dafür vom Angebot an Gras abhängig. Es gibt also kaum Konkurrenz zwischen den Bauern und den Raubtieren. Die Raubtiere essen wild und die Bauern essen Schafe und Ziegen. Aus religiösen Gründen. Und hier scheint der Kern des Zusammenlebens zu liegen- in der Buddhistischen Religion. Für Buddhisten sind die meisten Gebiete um die Klöster nämlich heiliges Land. Sie töten keine Tiere, die darin vorkommen. Die Priester verkünden auch, man solle alle Tiere ehren und schützen. So gibt es eine direkte Korrelation zwischen dem Auftreten der Buddhisten und der Biodiversität in der Natur. In anderen Worten könnte man sagen, dass der Schneeleopard dank den Buddhisten da oben überleben konnte.

Diese Studie über die Buddhisten in Tibet haben Dr. Lü, geboren und aufgewachsen in Peking, optimistisch gestimmt für die Zukunft der Menschheit – obwohl sie nicht an die von Menschen organisierte Religion glaubt. Die ist nämlich meistens mit Korruption verbunden. Aber dazu ein andermal.

Eine Studentin in Dr. Lü’s Gruppe macht eine Studie mit Umfragen in chinesischen Haushalten. Bei der Studie kam heraus, dass die meisten Leute Angst haben vor Bären, den Wolf hassen und dem Schneeleoparden gegenüber keine Gefühle zeigen. Auf den Hochplateaus, wo die Leute mit diesen Tieren zusammenleben haben sich mehrere Lösungen herauskristallisiert. Bauern arbeiten zusammen als Kooperation. Sie teilen sich die besten Graslandschaften um den Ertrag zu erhöhen, statt dass jeder in seinem mittelmässigen Stück arbeitet. Jeder zahlt dabei in eine Art Versicherung ein. Diese Dorfversicherung deckt Umweltschäden, z.B. durch Raubtiere. Jeder versucht jedoch, Massnahmen zu ergreifen um solche Schäden zu vermeiden. Die Versicherung zahlt nämlich weniger als so ein Schaf oder eine Ziege auf dem Markt wert ist. Falls doch etwas passiert wird man entschädigt. Die Versicherung wurde von den Dorfleuten gegründet und ist vollständig transparent. Dr. Lü konnte die Regierung davon überzeugen, solche Versicherungen finanziell zu unterstützen. So eine Kompensationslösung erleichtert das Zusammenleben mit Grossraubtieren.

Buddhistische Priester, die die Leute über das Ökosystem unterrichten, werden nun auch vom Staat bezahlt. So ist es möglich, dass ein gesundes Ökosystem erhalten bleibt und den Dorfbewohnern ein Überleben ermöglicht. Es sieht so aus, als ob der Buddhismus, eine spirituelle Lebensweise, den Naturschutz da oben ermöglicht.

Artikel über Mönche und Schneeleoparden

Zusammenleben von Buddhistischen Mönchen und Schneeleoparden

Und jetzt, in 4 Minuten, treffe ich Dr. Lü für ein persönliches Gespräch 😉

 

Jetzt bin ich zurück. Was ich vorher noch nicht wusste, aber jetzt gelernt habe ist, dass man in Tibet Hirten ausbilden möchte, die das Ökosystem verstehen und die Graslandschaften auch im Klimawandel nachhaltig bewirtschaften können. Denn jetzt, wo es wärmer wird tauen Permafrostböden auf, es gibt unregelmässigen, starken Niederschlag und es wird wärmer auf dem Plateau. Das verändert das ganze Ökosystem. Für diese Ausbildung von Hirten haben sie zwei Schweizer angestellt. Die Schweiz dient als Vorbild für die nachhaltige Naturweidewirtschaft (Pastoralismus). Andere Beispiele für diese Lebensweise sind übrigens Rentiere in Nordschweden, Islandpferde auf Island oder Bisons in Nordamerika. Die pastorale Viehhaltung ist extensiv und die domestizierten Arten ersetzen die Nische im Ökosystem, die früher durch wilde Arten besetzt war.

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